Fast 40.000 zusätzliche Stellen innerhalb von zehn Jahren und ein Haushaltsvolumen, das seit 2015 um rund 50 Prozent gestiegen ist: Der Bayerische Oberste Rechnungshof fordert eine grundlegende Überprüfung staatlicher Aufgaben. Doch die Zahlen allein beantworten noch nicht die entscheidende Frage: Ist das zu viel Staat – oder erwarten wir heute einfach mehr von ihm?
Fast 40.000 Stellen mehr
283.083 Stellen zählte der Bayerische Oberste Rechnungshof im bayerischen Staatshaushalt für das Jahr 2015. Im Jahr 2024 waren es 323.070. Innerhalb von zehn Jahren kamen damit 39.987 Stellen hinzu – ein Zuwachs von 14,1 Prozent.
Dabei handelt es sich um Planstellen und andere Stellen der Stammhaushalte. Enthalten sind beispielsweise auch Stellen für Beamte im Vorbereitungsdienst und Referendare. Die Statistik ist deshalb nicht gleichbedeutend mit der Aussage, Bayern habe innerhalb von zehn Jahren 40.000 zusätzliche Verwaltungsbeamte eingestellt.
Und das Wachstum geht zunächst weiter: Für 2025 waren 2.800 zusätzliche Stellen vorgesehen, für 2027 sind weitere rund 2.750 geplant. Zusammen mit diesen Planungen errechnet der Rechnungshof seit 2015 einen Zuwachs von rund 45.500 Stellen.
Mehr Staat heißt nicht automatisch mehr Bürokratie
Die Gesamtzahl allein sagt allerdings wenig darüber aus, wo der Staat gewachsen ist.
Ein erheblicher Teil des Stellenzuwachses entfällt auf Bereiche, in denen Bürger unmittelbar staatliche Leistungen erwarten. Der Rechnungshof weist für den Zeitraum von 2015 bis 2024 beispielsweise für die allgemeinbildenden Schulen einen deutlichen Stellenzuwachs aus. Auch andere Bereiche wie Hochschulen, Polizei, Finanzämter und Justizvollzug werden im Bericht gesondert betrachtet.
Auch bei den aktuell geplanten Stellen zeigt sich dieses Bild: Von den rund 2.750 zusätzlichen Stellen für 2027 sollen allein 1.900 auf Schulen, 249 auf Landratsämter und 200 auf die Polizei entfallen.
Wer über einen wachsenden Staat spricht, muss deshalb genauer hinsehen. Eine zusätzliche Lehrerstelle ist ebenso Teil des Stellenwachstums wie eine zusätzliche Stelle in einer Behörde.
Auch der Haushalt ist deutlich größer geworden
Parallel dazu ist das Haushaltsvolumen des Freistaates erheblich gestiegen. Nach Angaben des Rechnungshofs wurden 2015 Ausgaben von 51,1 Milliarden Euro geplant. 2024 waren es 73,7 Milliarden Euro, 2025 bereits 76,8 Milliarden Euro.
Der Rechnungshof spricht von einem Anstieg des Haushaltsvolumens seit 2015 um rund 50 Prozent. Gleichzeitig weist ORH-Präsidentin Heidrun Piwernetz ausdrücklich darauf hin, dass bei der Bewertung auch die allgemeinen Preissteigerungen berücksichtigt werden müssen.
Auch hier gilt deshalb: Ein größerer Haushalt ist zunächst eine Feststellung – noch keine Antwort auf die Frage, ob der Staat zu groß geworden ist.
Der Rechnungshof fordert eine Aufgabenkritik
Der Bayerische Oberste Rechnungshof zieht aus der Entwicklung dennoch eine klare Schlussfolgerung. Aus seiner Sicht legt der Stellenzuwachs nahe, dass die staatlichen Aufgaben erheblich ausgeweitet wurden.
Er fordert deshalb eine umfassende Aufgabenkritik. Staatliche Aufgaben sollten auf den Prüfstand gestellt und priorisiert, Verwaltungsverfahren vereinfacht und vollständig digitalisiert werden. Der Rechnungshof verbindet diese Forderung auch mit der künftigen finanziellen Belastung des Freistaates.
Gleichzeitig verfolgt die Staatsregierung das Ziel, bis 2040 insgesamt 10.000 Stellen einzusparen. Selbst bei einer vollständigen Umsetzung läge diese Zahl deutlich unter dem Stellenzuwachs der vergangenen zehn Jahre. Daraus allein lässt sich allerdings ebenfalls nicht ableiten, welche Aufgaben künftig wegfallen oder effizienter erledigt werden könnten.
Bemerkenswert ist zudem eine andere Feststellung des Rechnungshofs: Trotz seiner Kritik bestätigt er der Staatsregierung für das Haushaltsjahr 2024 eine geordnete Haushalts- und Wirtschaftsführung. Die Diskussion dreht sich damit nicht um die Frage, ob Bayern seinen Haushalt grundsätzlich ungeordnet führt, sondern darum, welche Aufgaben der Staat künftig übernehmen soll und wie er sie organisiert.
Warum wächst der Staat?
Genau an diesem Punkt werden die Zahlen politisch interessant.
Wächst der Staat, weil Politik und Verwaltung immer neue Aufgaben schaffen? Oder wächst er auch deshalb, weil Bürger und Gesellschaft immer mehr von ihm erwarten?
Mehr Lehrer. Mehr Polizei. Eine bessere Kinderbetreuung. Digitalisierung. Schnellere Genehmigungen. Eine leistungsfähige Verwaltung. Unterstützung für Kommunen. Investitionen in Infrastruktur. Gleichzeitig sollen Bürokratie, Personal und staatliche Ausgaben sinken.
Diese Erwartungen müssen sich nicht grundsätzlich widersprechen. Sie zeigen aber einen Zielkonflikt: Wer weniger Staat fordert, müsste auch beantworten, auf welche staatlichen Aufgaben oder Leistungen verzichtet werden kann. Wer mehr Leistungen fordert, muss umgekehrt erklären, wie sie finanziert und organisiert werden sollen.
Die Zahlen beantworten nicht alles
Der Jahresbericht des Rechnungshofs liefert einen belastbaren Ausgangspunkt: Der bayerische Staat ist gemessen an Stellenzahl und Haushaltsvolumen in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen.
Was die Zahlen nicht beantworten, ist die wichtigere Frage: Ist er an den richtigen Stellen gewachsen?
Vielleicht führt die Debatte deshalb auch in die falsche Richtung, wenn sie nur zwischen „mehr Staat“ und „weniger Staat“ unterscheidet.
Die eigentliche Frage könnte lauten:
Wo brauchen wir einen starken Staat – und wo sollte er sich zurücknehmen?
Dieser Frage wollen wir bei Agenda Bayern in unserem Schwerpunkt „Wie viel Staat wollen wir?“ aus unterschiedlichen Perspektiven weiter nachgehen.
Quellen
Bayerischer Oberster Rechnungshof: Jahresbericht 2026, insbesondere Entwicklung der Stellen seit 2015 sowie Verwaltungsvereinfachung und Bürokratieabbau.
Bayerischer Oberster Rechnungshof: Medieninformation zum Jahresbericht 2026 vom 24. März 2026.

